Gibt es vorbehaltene Aufgaben für die Pflege?

Zum Verständnis der Belange der beruflichen Pflege verweisen wir auf ein Zitat aus dem Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Demographischer Wandel – Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik“:

Die demographische Entwicklung mit steigender Lebenserwartung, einem zunehmenden Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung sowie der Abnahme familialer Hilfestrukturen einerseits und die Einführung der Pflegeversicherung andererseits haben zu einer veränderten Bedarfssituation hinsichtlich des Pflegepersonals geführt. In einem modernen Verständnis macht sich Professionalität in der Pflege fest an der Pflegeprozesssteuerung und nicht – wie zuvor – an der Übernahme von Verrichtungen durch die Fachkraft .

Die Ausübung professioneller Pflege am Beispiel der Erfordernisse genuiner Pflege stellt sich für die zu Pflegenden dar in der
• helfenden Rolle, d.h. genuine Verrichtungen des Versicherten/Patienten zu unterstützen,
dabei zu assistieren, diese zu übernehmen oder zu beaufsichtigen,
• beratenden Rolle, d.h. Versicherte/Patienten und deren Angehörige anzuleiten und
zu schulen,
• organisatorischen Rolle, d.h. pflegerische Arbeit prozesshaft und zielgerichtet,
koordinierend, kooperierend und vernetzend zu gestalten und der
• analytisch-bewertenden Rolle, d.h. Hilfebedürftigkeit festzustellen, Pflegebedarf
zu erheben und zu planen sowie Pflegeergebnisse zu bewerten.

Das Ausbildungsziel (KrPflG § 3 (2) Nr. 2) kennzeichnet im Wesentlichen den Mitwirkungsbereich der Pflege durch arbeitsteilige Zuständigkeiten mehrerer Berufsgruppen, vornehmlich in Zusammenarbeit mit Ärzten. Inhaltlich gemeint sind damit Tätigkeiten im Zusammenhang mit der ärztlichen Diagnostik und Therapie, um diese nach Anordnung - belegt mit dem „Etikett“ Behandlungspflege - selbständig zu erledigen oder assistierend durchzuführen oder bestimmte ärztliche Tätigkeiten vor- und nachzubereiten.

Hier tragen die Pflegenden in der Durchführung die Eigenverantwortung und zwar in der Gestaltung der Aufgaben und hinsichtlich der individuellen Art und Weise, in der der Patient auf diese Intervention reagiert. Pflegende haben hier die Verpflichtung die mitwirkenden Aufgaben so zu vollziehen, dass ihr Handeln vor der eigenen Professionalität verantwortet werden kann.
Die pflegerische Qualifikation und die Gesamtheit der individuellen pflegerischen Situation müssen in Einklang stehen. Das so ausgerichtete Handeln setzt eine neue Kompetenz der Pflegenden, die kaum mehr vergleichbar ist mit dem historischen Verständnis von Pflege als Assistenzberuf.

Für den dritten Teil des Ausbildungsziels (KrPflG § 3 (2) Nr. 3) gilt es, die pflegerischen Ziele in ein arbeitsteilig organisiertes System der Institutionen einzubringen und zum Diskurs zwischen  
den Berufen und zur Vernetzung zwischen den Versorgungsstrukturen beizutragen. Zugleich ist es ein Beitrag, neue Strukturen für effizientere Versorgungsleistungen zu schaffen, um z.B. die starre Trennung ambulanter und stationärer Sektoren zu überwinden bzw. Bruchstellen in der Versorgungskontinuität zu beheben.

Da im Regelfall beim Versicherten mehrere Versorgungsformen in Anspruch genommen werden, bedeutet das für die beteiligten Berufe eine Verständigung darüber, wie spezifische Qualifikationen unter einer gemeinsamen Zielsetzung zusammenzuführen sind. Voraussetzung für diese Zusammenführung ist, dass berufsspezifische Profile und Verantwortlichkeiten auszumachen sind. Nur so lassen sich professionelle Handlungen interdisziplinär erbracht zuweisen. Die im Alltagshandeln übliche Redewendung „wir haben...“ oder „wir sind ...“ innerhalb der eigenen Berufsgruppe oder innerhalb des therapeutischen Teams entbindet jeden Einzelnen nicht davon, seinen spezifischen Anteil an den Leistungen sach- und fachgerecht nachzuweisen.

Sozialrechtlich oder konzeptionell unterschiedliche Zuständigkeiten für Pflegeleistungen sowie deren Umfang und Erbringung geschehen ebenso eigenverantwortlich. Erst wenn von den anderen beteiligten Berufen oder Institutionen dieser eigenverantwortliche Bereich der Pflegenden akzeptiert wird, kann von Interdisziplinarität gesprochen werden. Ansonsten bleibt es bei der Zuweisung von Aufgaben anderer Berufe an Pflegende.
Interdisziplinäres Arbeit verlangt von allen Beteiligten gleichermaßen neben den spezifischen Fachkompetenzen ein hohes Maß an integrierender Kompetenz sowie an berufsübergreifender Qualifikation.

Der zunehmende Mangel an Pflegefachpersonen wird zu einer weiteren Differenzierung der Tätigkeiten und der Qualifikationen in den Pflegeberufen führen. Es ist zu erwarten, dass dabei auch in einem größer werdenden Ausmaß geringer Qualifizierte, unterhalb des Niveaus von Pflegefachpersonen, etabliert werden. Unabdingbar ist es, die Pflegetätigkeiten und die Sicherung der Qualität unter den sich ändernden Rahmenbedingungen sicher zu stellen.

Welche Tätigkeiten im Einzelnen als Vorrang- und Vorbehaltsaufgaben für die Pflegeberufe zu definieren sind, bestimmt sich nach dem Qualifikationsvorsprung, der sich bei heilkundlichen Tätigkeiten gegenüber der ärztlichen Ausübung ergibt. Igl unterscheidet zwischen dem relativen (vorbehaltene Tätigkeit) und dem prioritären (vorrangige Tätigkeit) Vorbehalt.
Das „Igl Gutachten“ hat deutlich gemacht, dass vorbehaltene Tätigkeiten wohl nicht erreichbar sind, aber auch nicht die „Conditio sine qua non“ zur Errichtung von Pflegekammern sind.

Er empfiehlt die Definition von vorbehaltenen Aufgabenbereichen für die Pflege und fordert nachdrücklich die Diskussion, was die Fachlichkeit professioneller Pflege und deren wissenschaftliche Begründung ausmachen. Diese gilt es dann in die Sozialversicherung zu implementieren.